Ein Lichtstrahl fällt in einer Kirche auf ein Kreuz., © Nicolas Armer/dpa/Symbolbild

Missbrauch in evangelischer Kirche: über 300 Fälle in NRW

Für die am Donnerstag präsentierte Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche sind auch in den NRW-Landeskirchen zahlreiche Missbrauchsfälle erfasst worden. Sie addieren sich auf mehr als 300 Fälle, für die teils schon Anerkennungszahlungen geleistet wurden. Das ergibt sich aus Angaben der drei NRW-Landeskirchen im Rheinland, Westfalen und Lippe und der Diakonie, die für die Studie ihre Daten an die Wissenschaftler meldeten. Die Studie selbst differenziert nicht nach Landeskirchen.

Kirchenvertreter und Kinderschützer zeigten sich schockiert und lobten zugleich die Studie. Das Leid der Betroffenen und das institutionelle Versagen der Kirche seien erschütternd, sagte der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel. Die Studie sei schonungslos und deshalb hilfreich, lobte der theologische Vizepräsident der westfälischen Landeskirche, Ulf Schlüter.

Jetzt gehe es darum, die Schutz- und Präventionskonzepte zu überprüfen und wenn nötig nachzujustieren, sagte der Vizepräses der rheinischen Landeskirche, Christoph Pistorius. Carsten Montag, Vorstandsmitglied der Kindernothilfe, sprach von «alarmierenden Zahlen». Die Kirche müsse Verantwortung übernehmen «und einen Ort schaffen, an dem alle Mitglieder, ob groß oder klein, geschützt und geborgen sind».

Die Studie dokumentiert deutschlandweit für die vergangenen Jahrzehnte mindestens 1259 Beschuldigte und 2225 Betroffene. Die unabhängigen Wissenschaftler sprechen bei ihren Ergebnissen ausdrücklich von der «Spitze des Eisbergs».

Nach Angaben der rheinischen Landeskirche sind in ihrem Bereich seit 1946 bisher 70 Verdachtsfälle bekannt. In 29 Fällen seien bereits Anerkennungszahlungen geleistet worden.

Die westfälische Landeskirche sprach am Donnerstag in einer Mitteilung von 110 Beschuldigten aus ihrem Bereich und 251 Betroffenen im Zeitraum von 1946 bis 2020.

Die kleine Lippische Landeskirche hatte vor kurzem mitgeteilt, dass sie in zwei Fällen Missbrauchsvorwürfen zu den 1970er bis 1990er Jahren nachgeht.

Hinzu kommen in der Diakonie der drei Landeskirchen laut den Angaben weitere 131 Fälle, für die bereits insgesamt knapp zwei Millionen Euro an finanziellen Leistungen gezahlt worden seien. Diese Fälle lägen teils weit zurück, es handele sich etwa um Missbrauchsfälle in Heimen in den 1950er Jahren und danach, sagte der Sprecher der rheinischen Landeskirche.

Die EKD hatte die Studie 2020 initiiert. Ziel war, evangelische Strukturen zu analysieren, die Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen. Die Wissenschaftler konnten nicht die Personalakten aller Pfarrer und Diakone auswerten, sondern in erster Linie Disziplinarakten. Die Studie wurde mit 3,6 Millionen Euro finanziert. Als Dachorganisation von 20 Landeskirchen vertritt die EKD bundesweit 19,2 Millionen evangelische Christinnen und Christen.

Betroffene sexualisierter Gewalt können bislang einen Antrag auf individuelle freiwillige Leistungen stellen. Diese orientieren sich laut EKD an Schmerzensgeldzahlungen und liegen in der Regel zwischen 5000 und 50.000 Euro. Bis Ende 2022 hatten die Landeskirchen der EKD 858 Anträge auf derartige Anerkennungsleistungen gemeldet.

Die Studie nahm alle Beschäftigten im evangelischen Leben in den Blick, auch Heimerzieher, Kirchenmusiker oder ehrenamtliche Jugendleiter. Erwartet wird, dass sich weitere Betroffene melden.

Quelle: dpa