Eine teilweise abgemähte Wiese am Fundeort einer Kinderleiche im Landkreis Stade., © Sina Schuldt/dpa

Arian gefunden? Viele Fragen nach Fund einer Kinderleiche

Das Schicksal des sechsjährigen Arian aus dem niedersächsischen Bremervörde bewegt viele Menschen. Seit mehr als zwei Monaten ist das Kind verschwunden. Nach dem Fund einer Kinderleiche nur wenige Kilometer entfernt von seinem Wohnort könnte es bald traurige Gewissheit geben.

Fragen und Antworten zum Fall Arian:

Was ist über das tote Kind bekannt?

Die Polizei geht mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das tote Kind der sechsjährige Arian ist. Noch ist unklar, wann genau die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung vorliegen. «Das können die Kolleginnen und Kollegen von der Rechtsmedizin Hamburg auch nicht immer genau abschätzen», sagte ein Sprecher der Polizei Rotenburg. Er hoffe, dass die Ergebnisse schnellstmöglich vorliegen.

«Es werden auch keine DNA-Schnellabgleiche durchgeführt», sagte der Sprecher. «Wir warten auf das sichere Ergebnis der Rechtsmedizin. Erst dann können wir mit Sicherheit sagen, ob es sich bei der Kinderleiche um den vermissten Arian handelt.» Die Untersuchungsergebnisse werden im Laufe dieser Woche erwartet. Die Ermittlungsgruppe stehe in engem Austausch mit den Rechtsmedizinern und mit der Familie des Jungen. «Solange wir nicht 100-prozentig wissen, dass es sich bei der Leiche um Arian handelt, gehen wir weiter Hinweisen zu seinem Verbleib nach», sagte der Sprecher der Polizei. 

Wie wurde die Kinderleiche entdeckt?

Ein Landwirt fand die Leiche beim Mähen am Rande einer Wiese in der niedersächsischen Gemeinde Estorf am Montagnachmittag. Er habe gleich das Shirt erkannt, das Arian getragen haben soll. «Ich wusste sofort, dass es der Junge ist», sagte der Mann. Der Fundort liegt nur wenige Kilometer von Arians Zuhause entfernt. Spezialisten bargen die Leiche und untersuchten den Fundort kriminaltechnisch. Der Bereich war bei der Suche nach Arian im April mehrfach von Einsatzkräften abgesucht worden, wie eine Polizeisprecherin sagte.

Wie gehen die Ermittlungen weiter?

Rechtsmediziner in Hamburg sollen die Identität des toten Kindes klären. Die Obduktion der Leiche soll auch ergeben, wann und woran das Kind gestorben ist. Die Ermittler fanden keine Hinweise auf ein Verbrechen. Die Ergebnisse der Rechtsmedizin sind auch für die Aufarbeitung der Ermittler wichtig. Sie wollen die Suche rekonstruieren, um herauszufinden, warum der autistische Junge nicht gefunden wurde.

Was war zum Zeitpunkt des Verschwindens über Arian bekannt?

Zuletzt lebte der Sechsjährige mit seiner Familie in Bremervörde. Wie viele Kinder mochte er Süßigkeiten, Luftballons und Feuerwerk. Der Junge mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen ist Autist. Er kann nicht sprechen und reagiert wahrscheinlich nicht auf Zuruf von Fremden. Als Arian zuletzt gesehen wurde, trug er ein ockerfarbenes, langärmliges Shirt mit Aufdruck, eine schwarze Jogginghose und Socken.

Was geschah am Abend seines Verschwindens?

Arian wurde am 22. April gegen 19.00 Uhr das letzte Mal zu Hause gesehen. Danach bemerkte der Vater, dass sein Sohn verschwunden war und informierte die Polizei. Sie leitete direkt eine Suche mit Hunderten Einsatzkräften ein. Auch Suchhunde, eine Drohne, ein Boot und zahlreiche Freiwillige waren im Einsatz. Mit Blick auf nächtliche Minusgrade waren viele besorgt, weil der Junge nur leicht bekleidet war.

Warum das autistische Kind verschwand, blieb zunächst unklar. «Der Junge hat erst vor Kurzem gelernt, wie man verschlossene Türen öffnet», sagte der Polizeisprecher am Tag nach dem Verschwinden des Kindes. «Das mag der Hintergrund sein.» Später zeigte die Aufnahme einer privaten Überwachungskamera, dass der Junge am 22. April abends gegen 19.15 Uhr allein durch das Wohngebiet lief.

Was war das Besondere an der Suche?

Die Einsatzkräfte suchten besonders engmaschig. Sie erwarteten, dass der autistische Junge sich eher verstecken würde, wenn er Menschen bemerkt. Die Polizei bat Anwohner, auf ihren Grundstücken und in Schuppen nach dem Jungen zu suchen. Auch Gullydeckel wurden geöffnet und Mülltonnen kontrolliert. Hunderte Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft waren im Einsatz. Zeitweilig suchten sie mit Hunden, Pferden, Helikoptern, Drohnen, Wildtierkameras, einem Tornado-Flieger, Amphibienfahrzeug, Booten und Tauchausrüstung.

Um Arians Aufmerksamkeit zu bekommen, brannten die Einsatzkräfte Feuerwerk ab, hängten Luftballons und Süßigkeiten auf. Zudem wurden Kinderlieder gespielt und sogenannte Skybeamer genutzt, die einen Lichtkegel in den Himmel projizierten. Aber auch das Gegenteil wurde versucht: Die Einsatzkräfte suchten still nach dem Autisten, weil ihn Rufe verschrecken könnten.

Warum wurde die flächendeckende Suche eingestellt?

Nach rund einer Woche beendete die Polizei die flächendeckende Suche zum 30. April. Die Entscheidung traf der Leiter der Polizei in Absprache mit dem Innenministerium. Sie entschieden sich, sich auf konkrete Hinweise zu fokussieren. Der Polizei zufolge hatten die Einsatzkräfte in den Tagen zuvor 53 Quadratkilometer zu Land, zu Wasser und aus der Luft abgesucht – eine Fläche von mehr als 7500 Fußballfeldern.

Wie geht es weiter?

Die Polizei richtete eine Ermittlungsgruppe ein. Ein fünfköpfiges Team mit Experten für Vermisstenfälle koordiniert nun die Ermittlungen. Die Einsatzkräfte prüften seitdem Hunderte Hinweise, gehen Spuren nach und stellen Hypothesen auf, was Arian widerfahren sein könnte. Wenn es jetzt traurige Gewissheit geben sollte, sind noch immer Fragen offen: Warum lief der Junge weg, wohin lief er? Warum wurde der Sechsjährige erst jetzt entdeckt? Die Ermittler wollen Antworten auf diese Fragen finden.

Quelle: dpa